Uniformen verändern Personen: Bildband „Kleider machen Leute“ von Herlinde Koelbl

Herlinde-Koelbl: Kleider machen LeuteWie verändern sich die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck und der Mensch als Ganzes, wenn er sich nicht in seiner Freizeitkleidung unter vielen Gleichen befindet? Gibt ihm eine Berufskleidung Körperspannung, eine freundlichere oder ernstere Mimik und wenn ja, wer steckt hinter diesen Fassaden? Dieser Frage nimmt sich der kürzlich erschienene Bildband „Kleider machen Leute“ von Herlinde Koelbl an.

Sie ist eine „große Fotografin“, wie Peter Raue im Vorwort des Fotobuches „Kleider machen Leute“ hervorhebt. Groß ist auch das Projekt, an dem sie vier Jahre arbeitete und Menschen – hauptsächlich aus Deutschland aber auch wenigen anderen Ländern – in ihrer Berufskleidung und in ihrer Freizeitkleidung portraitierte. Damit der Fokus auf den Personen liegt, entschied sich Koelbl entgegen vorheriger Projekte, die Personen von jeglicher Umgebung abgeschottet zu fotografieren – vor neutralem Hintergrund. Bis auf wenige Aufnahmen ist es ein grauer Studiohintergrund, der aber perfekt geeignet scheint. Sicher: technisch einwandfrei sind die Fotos, wenn auch nicht von sonderlich hoher Kreativität, aber darauf kommt es bei diesem Projekt nicht an. Vielmehr sind es die Personen, die sich frei vor der Kamera präsentieren durften und die Fähigkeit der Fotografin, den Menschen den benötigten Spielraum zu geben: Da ist Bischof Gerhard Ludwig Müller, der sein Priestergewand in der Freizeit gegen einen Trainingsanzug tauscht oder der Generalinspekteur der Luftwaffe Klaus-Peter Stieglitz, der seine Flugzeugführerschwingen an der Uniform mit Stolz trägt, auch privat auf sein Äußeres viel Wert legt und sich zwei bis drei Mal am Tag umzieht.

Doch findet man Uniformen nur beim Militär, in Kirchenämtern oder im Hotelwesen? Bei Weitem nicht – das belegt „Kleider machen Leute“. Dennoch ist der Fotoband mehr als eine Gegenüberstellung zweier Fotos in privater und beruflicher Kleidung. Es ist Dank der begleitenden, kurzen Texte von und über die abgelichteten Personen auch ein Blick hinter die Kulisse auf das Wesen der Person. Dieses Konzept wird perfekt in Szene gesetzt durch die Dramaturgie im Buchaufbau: Mal eröffnet Koelbl die Vorstellung der Person mit einer Detailaufnahme von der Uniform, mal soll nur der begleitende Text Neugier stiften und ein anderes mal provoziert die Fotografin mit einem unscheinbaren Menschen, der in seiner Uniform scheinbar über sich hinauswächst. So findet der Leser und Betrachter auf den gut 200 Seiten immer wieder eine Überraschung und der Bildband bleibt kurzweilig, interessant und spannend. Vor allem regt das Buch zur Nachdenklichkeit an, wenn beispielsweise der Bergmann Milan Dirk Pajonkowski berichtet, dass er sich nicht auf die in vier Jahren bevorstehende Rente freut – kein Wunder, wenn die Bergbau-Kumpels seine Familie sind und er selbst im Urlaub um vier Uhr in die Zeche zum Duschen geht und privat die Krawatte mit dem Unternehmenslogo trägt.

„Kleider machen Leute“ aus dem Hatje Cantz Verlag ist ein grandioser Bildband, der nicht nur wegen seiner hochwertigen Verarbeitung und des guten Drucks seine knapp 40 Euro auf jeden Fall Wert ist!

Die Ausstellung zum Bildband ist bis zum 29. Juli im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zu sehen.

Herlinde-Koelbl: Kleider machen Leute, Bischof Gerhard Ludwig Müller

Bischof Gerhard Ludwig Müller


Herlinde-Koelbl: Kleider machen Leute, Generalinspekteur der Luftwaffe Klaus Peter Stieglitz

Generalinspekteur der Luftwaffe Klaus Peter Stieglitz

Herlinde-Koelbl: Kleider machen Leute, Bergmann Milan Dirk Pajonkowski

Bergmann Milan Dirk Pajonkowski

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